liebt?! Was für eine absurde Idee! Warum aber umgekehrt sollte ich dann (einen solchen) Gott lieben? Ich konnte und wollte so einem Gott nicht mehr vertrauen und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was sich für mich damals wie eine Abwen- dung von Gott, wie der Bruch mit ihm, anfühl- te, würde ich aus heutiger Sicht, im Nach- hinein betrachtet, als Zerbrechen einer für mich nicht mehr tragfähigen und passenden Vorstellung von Gott, (m)einem Gottes-Bild deuten. Zusammen mit meiner Vorstellung von Gott hat sich auch meine Vorstellung von Liebe, von Gebet und von Leiden gewandelt. Die „schlechte Nachricht“: Durch die neue Wei- se, in der Gott mir begegnet ist und sich mir neu vorgestellt hat, fühlt sich mein Schmerz nun nicht weniger schmerzhaft an, Leid, das ich erlebe oder um mich herum wahrnehme (und mitfühle), nicht weniger leidvoll, aber – und das ist die „gute Nachricht“ – ich bin (und fühle mich) jetzt nicht mehr allein darin. Mir kommt es vor, als hätte ich zum „Auge des Taifuns“ gefunden, in dem sprichwörtlich ein Kind schlafen kann. Der Sturm tost und tobt noch immer manchmal in mir und immer wieder heftig um mich herum, aber auf einmal ist da Jesus mit im Boot, mit im Sturm und sagt den Wellen und dem Wind: „Schweig und verstumme!“ Einige „Umrisslinien“ nun, wie ich mir das derzeit vorstelle: (Wohlgemerkt: auch das sind nur Vorstellungen, „Denk-Krücken“, nur meine subjektive Wahrheit, und erheben keinen Nachgedacht Anspruch auf Absolutheit oder Allgemein- gültigkeit... Jede und jeder wird immer wieder neu ihre/seine eigene Antwort suchen, finden und geben müssen!) Ich bringe es auf eine kurze Formel in einem Zitat von Thomas Mann, auf das ich kürzlich gestoßen bin: „Gott ist nicht das Gute, sondern das Ganze.“ 1. Gott ist das „Ganze“. Gott ist nicht „etwas“ innerhalb oder außer- halb der Welt. Gott ist die „Tiefe des Seins“, das Sein selbst, der Wesenskern in allem, was ist. Was wir (im Kern/wirklich/wesentlich) sind, ist Gottes SEIN in uns. Alles, was ist, ist, weil und sofern Gott sein Sein da hinein gibt. Gott ist „ganz“, das bedeutet heil und voll- kommen, „rund und schön“, „ewig“, allein, wie eine Kugel. Gott ist die „Einheit“. Ich stelle mir vor: Am Anfang war Gott alles in allem, Gott „pur“ sozusagen. Und am Ende, auf das wir zugehen, wird Gott wieder alles in allem sein, alles wieder in sich „ein-holen“. Dazwischen „ent-faltet“ Gott sich ins Dasein, in die Viel-falt all seiner vielen, unterschiedli- chen Geschöpfe. Er „rollt“ sich gleichsam aus, fächert sich auf, ent-wickelt sich, gewinnt Gestalt(en), formt sich aus. Er tritt sich in der Schöpfung selbst gegenüber und bleibt doch allem Seienden immanent, weil er das Sein selbst in allem Seienden ist. Alle Schöpfung, jedes einzelne noch so kleine Geschöpf, jede Zelle, jedes Atom, ist Teil dieser Bewegung in Gott selbst. Sommer 2026 I Seite 11